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Von der Zeichenschule zum Museum: Textilmuseum St Gallen

St. Galler Spitze

Spitze, Pailletten, kunstvolle Stickereien: die Vitrinen des Textilmuseums in der St.Galler Vadianstraße bezeugen auf eindrucksvolle Weise das handwerkliche Geschick der Ostschweizer und den Einfluss dieses Industriezweigs auf die Entwicklung der Region. Neben Materialien, Entwürfen und Fertigungstechniken wird das wirtschaftlich schwere Leben der Textilarbeiter beleuchtet.

Wertvolle Musterbücher St.Galler Textilproduzenten und ein reicher Fundus an Fach- und Designbüchern sind in der hauseigenen Textilbibliothek archiviert.  Das obere Stockwerk des Gebäudes ist temporären Sonderausstellungen vorbehalten. Bis zum 19.01.2020 werden kunstvoll bestickte und handgearbeitete Kostüme aus der einhundertjährigen Geschichte des Schweizer Staatszirkus „KNIE“ gezeigt.

Fassade- Textilmuseum St. Gallen

Fassade- Textilmuseum St. Gallen

Vom Leinen zur Baumwolle – Textilgeschichte in St.Gallen

Die Herstellung von Textilien hat in St.Gallen und der Ostschweiz eine lange Tradition. Bereits ab dem 12. Jahrhundert nutzte man die günstigen Voraussetzungen für den Flachsanbau. Das produzierte Leinen hatte eine hohe Qualität und stellte eine wichtige Einnahmequelle für die Bevölkerung dar. Mit dem Beginn der Industrialisierung in England und dem zunehmenden Einsatz von Baumwolle änderte sich das jedoch. Gegen 1750 verlor das Leinen an Bedeutung, Baumwolle wurde das marktbestimmende Material.

Mit einer zügigen Marktanpassung, neuen Maschinen und Spezialisierung auf Stickerei gelang den St. Gallern konkurrenzfähig zu bleiben und bis heute als Spezialist im Bereich der Stoffveredlung zu gelten. Dabei war das Veredeln der Stoffe harte Arbeit, die vielfach als Heimarbeit geleistet wurde. Während der Vater die (oft von einem Fabrikanten bereitgestellte) Maschine bediente, mussten Frauen und Kinder die anstrengende Arbeit des Fädelns übernehmen.

° Im Eingangsbereich des Museums steht eine dieser Strickmaschinen.

Von der Zeichenschule zum Museum

Für die Herstellung hochwertiger Stoffe ist neben dem Grundmaterial und spezialisierten Fachkräften vor allem das Design entscheidend. Um besondere Stoffe kreieren zu können, richteten die St.Galler Textilfabrikanten in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts eine Mustersammlung ein.  Sie sollten den Mitgliedern der im Haus ansässigen Zeichenschule als Geschmacksmuster und Inspirationsquelle dienen. Seit 1886 befinden sich also Mustersammlung, Zeichenschule und heutiges Museum im sogenannten „Palazzo Rosso“.

Während die St.Galler Textilhersteller lange dem Historismus anhingen, schlossen sie sich in ihrer späteren Entwicklung dem Jugendstil und anderen Strömungen an. – Spannend ist zu sehen, dass die St.Galler nicht nur in Europa, sondern auch international sehr erfolgreich waren. So hatten viele Firmen bis in die siebziger Jahre spezielle Asien-Kollektionen. Für den japanischen Markt wurden von der Firma Abraham Trauerkimonos angefertigt und in die arabischen Länder handelte man Schleier für die Frauen oder als Arafat-Tücher bekannt gewordene Materialien.

°Im großen Ausstellungsraum des Museums gibt es neben vielen Mustern und Anschauungsstücken einen Spint mit St.Galler Spitze und Stoffen zum „in die Hand nehmen“. Es ist eindrucksvoll, wie zeitgemäß einige Materialien trotz ihres hohen Alters geblieben sind.

In einer Vitrine sind Kleider ausgestellt. Berühmte Couturiers und prominente Damen wie Amal Clooney (Hochzeitskleider), Michelle Obama und Beyonce sind Fans der edlen Stoffe aus St.Gallen.

Inspiration und Wissen

Ein Teil des Museums beherbergt einen für Fachbesucher und Kreative besonders interessanten Schatz: hier werden neben Fachliteratur und Fachzeitschriften aus dem Textilbereich vor allem die dicken Musterbücher früherer St.Galler Firmen aufbewahrt. Wer möchte, darf in einigen ausgewählten Exemplaren blättern. Die anderen sind, aufgrund ihrer Einzigartigkeit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Aktuelle Bücher der Sammlung (immerhin ca. 22.000 Stück) dürfen von allen Gästen des Museums in die Hand genommen werden. In der modern eingerichteten zweigeschossigen Bibliothek findet man unten die Fachliteratur, während im oberen Bereich Bücher zur Inspiration bereitgehalten werden.

100 Jahre Zirkusgeschichte – Sonderausstellung Zirkus KNIE

Nach all der Information ist im oberen Stockwerk des Museums Entspannung und Unterhaltung angesagt. In einer farbenfrohen Sonderausstellung können Kostüme aus der einhundertjährigen Geschichte des Schweizer Staatszirkus Knie betrachtet werden. Dieser Zirkus, der seinen Stammsitz in Rapperswill nahe St.Gallen hat, hat zahlreiche Leihgaben, Fotos und Dekorationsgegenstände an das Haus gegeben.

♥ Sonderausstellung Zirkus KNIE  

 7. März 2019 – 19. Januar 2020

Die Künstler und Akrobaten von Knie hegten von jeher eine Vorliebe für schillernde und prächtige Kostüme. Viele wurden von namhaften Couturiers in Paris angefertigt. Im Textilmuseum können die Roben der Clowns, Dompteure, Artisten und Magier aus nächster Nähe angesehen werden. Teilweise als bunter Farbrausch, teilweise in einer improvisierten Manege. Es ist ein Spaziergang durch eine farbenfrohe Traumwelt.

(Kuratoren/ Szenografen: Moritz Junge, Martin Leuthold
Assistenzkuratorin: Ilona Kos)


Textilmuseum St. Gallen

Vadianstrasse 2
CH-9000 St. Gallen
Textilmuseum +41 71 228 00 10
Textilbibliothek  +41 71 228 00 14
→ www.textilmuseum.ch


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Offenlegung: →Schweiz-Tourismus und die → Region St.Gallen-Bodensee haben mir den Besuch im Textilmuseum St.Gallen ermöglicht. Vielen Dank.

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Charis

Travelblogger, Journalist, Online-Shopmanager bei wohlgeraten.de – blog.wohlgeraten
Der Alpenraum ist in seiner Vielfältigkeit schier unerschöpflich. Kaum hat man ein Tal bereist, warten hinter den Bergen schon neue Abenteuer. Ein Puzzlespiel, bei dem es fast unmöglich erscheint,es ausreichend und umfassend zu beschreiben. Ich habe es mir dennoch zur Aufgabe gemacht und berichte auf blog.wohlgeraten über Land und Leute, Wanderungen, gute Küche, Architektur und vieles mehr.
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