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Traumjob in der Schweiz: Textildesignerin bei Fischbacher in St.Gallen

Claudia Kott beim Zeichnen

„Es war ein sehr besonderer Moment, als ich zum ersten Mal eine von mir entworfene Bettwäsche im Schaufenster eines Kaufhauses entdeckt habe“ sagt Textildesignerin Claudia Kott und es fällt auf, wie ihre Augen leuchten, sobald sie über ihre Arbeit spricht. Aus Stapeln von Ideen und Stoffmustern fischt sie einige Beispiele heraus – sie beschreibt mit Begeisterung den Weg, der zwischen der ersten locker hingeworfenen Skizze bis zum fertigen Design liegt. Manchmal ist es eine sehr direkte Linie von einer Handvoll ausgestreuter Blätter bis hin zu den fertigen Heimtextilien, Tapeten und Teppichen, die sie und ihr Team realisieren.

Claudia Kott ist Chefdesignerin beim schweizerischen Textilverlag Christian Fischbacher Co.AG in St. Gallen. Ihre Aufgabe ist es, schon heute das Design zu entwickeln, das luxuriösen Hotels und Wohnungen morgen ein Gesicht verleiht. Immer eine Nasenlänge dem Geschmack der Zeit voraus, erkennt sie Trends und oft setzt sie sie sogar. Was ihr am Anfang aufregend und unglaublich erschien, ist heute ihr Alltag – ihre Entwürfe landen regelmäßig in den Schaufenstern der größten Kaufhäuser dieser Welt.

Christian Fischbacher – St.Gallen

Studiert hat die 36-Jährige Deutsche aus Herzogenrath bei Aachen im nahen Maastricht an der ABKM (Academie Beeldende Kunsten Maastricht). Dem Bachelor in den Niederlanden folgte ein Masterstudium mit Schwerpunkt Textildesign, das sie für zwei Jahre nach Reutlingen führte. Schon in ihren Praxissemestern bei Ulf Moritz in Amsterdam und Creation Baumann in Langenthal in der Schweiz sammelte sie erste Erfahrungen an renommierten Adressen.

Inzwischen ist Claudia Kott, die gleich von der Hochschule in die Schweiz wechselte, zehn Jahre bei Fischbacher. Das Unternehmen, seit 1819 im Kanton St. Gallen zuhause, ist ein Familienunternehmen, gegründet von Christian Fischbacher, der Webwaren von Bauersfrauen auf dem weit entfernten Markt von St. Gallen verkaufte. Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Ostschweiz hochwertige Textilien und aufwendige Stickereien ihre Blütezeit erleben, steigt der Kaufmann auf eine eigene Stoffproduktion um. Über Friedens- wie Kriegszeiten hinweg wird das Unternehmen an die jeweils nächste Generation übergeben. Als Christian Fischbacher – bereits der fünfte Christian der Familie – in den 1980er Jahren das Hauptgeschäft von Haute-Couture-Stoffen auf Heimtextilien lenkt, entsteht die Basis für Claudia Kotts heutigen Wirkungsbereich.

Als Chefdesignerin leitet sie das Design-Team, zu dem mit Camilla Fischbacher (Art Direction) auch ein Familienmitglied gehört. Gemeinsam erstellen sie Moodboards, die die Wände des Design-Büros zieren. Sie mischen Fotos mit Skizzen, Strukturen und Farben. Sie blättern in Musterbüchern oder und nutzen die Stofflaschen der eigenen Archive als unerschöpflichen Schatz. In vielen kleinen Schubladen lagern Stoff-Rechtecke, die Farbnamen wie „Korngelb-mittel“, „Highland“ oder „Hot Pink“ tragen. Durch die Stofflichkeit, unterschiedliche Strukturen, matten oder glänzenden Schimmer lassen sich mit ihrer Hilfe, die für die neue Kollektion gewünschten Farbnuancen gezielter an die Produktion kommunizieren.

Viele Designs zeichnen Claudia und ihr Team von Hand. Es macht  Spaß, ihr über die Schulter zu schauen, wenn sie scheinbar mühelos Blätter, Blüten oder Skifahrer mit dem Pinsel auf ein Blatt tuscht. Mal wird geklebt, mal geflochten und ein großer Teil der Arbeit besteht aus dem Verwerfen. Die Schritte von der ersten Idee bis zum fertigen Material sind verschieden und langwierig, aber die Spielfreude dieses Prozesses spiegelt sich in den Arbeiten.

Nachdem Fischbacher mit opulenten Stoffen, bestickt oder mit Spitze verziert, den Markt eroberte, setzt das Unternehmen heute zusätzlich auf Innovationen. Das zeigt etwa die Entwicklung des Materials BENU. Dieser Stoff, zu 100% aus recycelten PET Flaschen und schwer entflammbarem Polyestergarn hergestellt, ist geschmeidig wie ein Samt und gleichzeitig outdoor-tauglich. Er kommt in der modernen Raumausstattung zum Einsatz.

Woher die kreativen Impulse kommen? Claudia Kott setzt auf Natur, Information und Technik. Auf ihrem Schreibtisch warten Moos und Blätter auf ihren Auftritt, sie besucht Vorträge der Trendforscherin Li Edelkoort und nutzt die Bilddatenbanken des Rijksmuseums Amsterdam, um die Texturen alte Meister mit ihren Skizzen zu verweben. Ihr gestalterisches Credo: „Kreativität hat so viele Facetten. Der Antrieb ist es, ständig Neues zu erschaffen. Es ist mit viel Leidenschaft verbunden und es ist so schön, dem beruflich nachgehen zu können.”

Was Claudia Kott und ihre Kollegen jedoch manchmal etwas vermissen, ist das bunte Treiben in St.Gallens Innenstadt. Seit das Unternehmen aus der Mitte des Zentrums in die Peripherie zog, ist es ruhiger geworden in den Mittagspausen. Aber Stille tut der Kreativität auch gut.


Christian Fischbacher – Heimtextilien seit 1819

Mövenstrasse 18
Schweiz – 9015 St. Gallen

→ www.fischbacher.com


Das Designteam von Fischbacher in  St.Gallen besteht aus Claudia Kott Chief Designerin (100%) und Martina Zünd-Gygax Designerin (40%). Zum Kreativ Team gehören Camilla Fischbacher (Art Direction) und das Marketing Team, bestehend aus Erika Müller-Lusti (Head of Marketing) und Rabea Reufsteck (PR und Marketing Coordinator). Claudia Kott  entwirft, steht ständig in Kontakt mit den Produzenten und ist mit Camilla Fischbacher verantwortlich für das Kollektionskonzept.

In Como hat Fischbacher ein zweites Atelier mit  Giuliana Pantono als Chief Designerin und Chiara Papis. Ihr Fokus liegt auf dem Italienischen Markt.


Offenlegung: →Schweiz-Tourismus und die → Region St.Gallen-Bodensee haben mir den Besuch bei der Firma Christian Fischbacher in St.Gallen ermöglicht. Vielen Dank.

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Charis

Travelblogger, Journalist, Online-Shopmanager bei wohlgeraten.de – blog.wohlgeraten
Der Alpenraum ist in seiner Vielfältigkeit schier unerschöpflich. Kaum hat man ein Tal bereist, warten hinter den Bergen schon neue Abenteuer. Ein Puzzlespiel, bei dem es fast unmöglich erscheint,es ausreichend und umfassend zu beschreiben. Ich habe es mir dennoch zur Aufgabe gemacht und berichte auf blog.wohlgeraten über Land und Leute, Wanderungen, gute Küche, Architektur und vieles mehr.
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Der Alpenraum ist in seiner Vielfältigkeit schier unerschöpflich. Kaum hat man ein Tal bereist, warten hinter den Bergen schon neue Abenteuer. Ein Puzzlespiel, bei dem es fast unmöglich erscheint, es ausreichend und umfassend zu beschreiben. Ich habe es mir dennoch zur Aufgabe gemacht und berichte auf blog.wohlgeraten über Land und Leute, Wanderungen, gute Küche, Architektur und vieles mehr.

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  1. Avatar

    Echt toll, dass die Firma Christian Fischbacher einen innovativen Ansatz verfolgt und recycelten PET-Kunststoff für neue Gewebe verwendet. Sie sehen toll aus.

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