Salzburger Land, Top 5 Handwerk, Tradition und Handwerk
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Kirchtag Salzburg | Schirm, Charme und Tradition beim Schirmmacher

Die Salzburger Schirmmanufaktur Kirchtag erhält eine seltene Handwerkskunst am Leben: in dem Familienunternehmen werden seit über 100 Jahren in alter Schirmmacher-Manier handgearbeitete Stockschirme produziert.

Es ist Nachmittagstrubel in Salzburgs Altstadt und die Getreidegasse ist voller Touristen. Wir schieben uns an den Selfiestangenfotografen am Mozarthaus vorbei und an einem Feinkostladen, den es schon in Mozarts Kindheit gab. Dann geht der Blick steil nach rechts oben: ein Zunftzeichen. Oben am Haus hängt ein Schirm. Hier in der Salzburger Getreidegasse 22 ist der Schirmmacher Kirchtag zuhaus und das nicht erst seit gestern. Kirchtag wurde im Jahre 1903 gegründet und ist seit über 100 Jahren in Familienbesitz.

Neuzeit bei Kirchtag

Im modern eingerichteten Ladengeschäft in alten Mauern werden zunächst konventionelle und internationale Schirm-Marken verkauft. Schirme und Lederwaren wie Portemonnaies und Taschen gibt es in vielen bunten Farben. Wer jedoch das Besondere sucht, meldet sich hier und wird beraten, denn das eigentlich Reizvolle ist, dass Kirchtag bis zum heutigen Tag Schirme auf Wunsch anfertigt. Die Werkstatt liegt in den oberen Räumen des Gebäudes und genau dort wird es spannend!

Kirchtag – Schirmmanufaktur  mit Tradition

Wir verlassen das Haupthaus und betreten einen uralten Lift in einem der Durchgänge. Schnell geht es einige Stockwerke nach oben. Unter dem Dach des Hauses betritt man die Werkstatt. Ein traditioneller Handwerksbetrieb mit Arbeitsraum, Kontor, Lager und Näherei – wie man sich einen Schirmmacher eben auch so vorstellt.

In einem der vorderen Räume warten die Schirmstöcke in großen Regalen auf ihre weitere Nutzung oder werden für die Produktion vorbereitet. Zwischendrin liegt ein Lagerraum, ebenfalls mit Regalen bis zur Decke für alles Zubehör von der Öse bis zur Bergspitze. In einem Kontor werden die Aufträge schriftlich betreut und schließlich gibt es einen großen hellen Raum, in dem die Schirmbespannung genäht und aufgezogen wird.

Schirmstock-Lager bei Kirchtag Salzburg

Schirmstock-Lager bei Kirchtag Salzburg

Wir beginnen mit unserer Führung im Raum mit der Stockfertigung. Es ist schon spät am Nachmittag, darum wird bereits aufgeräumt. Für uns umso mehr Zeit, sich in Ruhe die Fertigung erklären zu lassen.

In deckenhohen Regalen liegen zahlreiche Schirmstöcke, die nach Holzart geordnet sind. Ihre Anfertigung ist das Kernstück der Produktion und nimmt die meiste Zeit in Anspruch. Je nach Ursprung haben sie eine unterschiedliche Färbung: Birne, Ahorn, Kirsche und Esche sind dabei, tropische Hölzer wie Palisander, Rosenholz und Teak oder echte Besonderheiten wie Wenge oder Schlangenholz.

Kirchtag kauft ganze Baumstämme ein, die in Deutschland zu groben 5 x 5 cm Griffstöcken gesägt werden. Über Dampf wird das Holz gebogen und muss dann trocknen. Erst dann wird der Rohling in eine runde Form gefräst. Der Griff erhält durch Handarbeit seine kirchtagtypische Form, die auch Nase genannt wird und nur an diesen Schirmen so zu finden ist.

Kirchtag’s Handschmeichler – der polierte Schirmgriff

Das Geheimnis der Schirme ist die Politur. Nachdem die Stöcke in die gewünschte Form gebracht wurden, werden sie für einige Tage in Leinöl eingelegt. Dieser Prozess bringt es mit sich, dass das vollgesogene Holz nun mehrere Monate zum Trocknen benötigt – aber dafür danach umso widerstandsfähiger ist. Die Schirmstöcke werden gelagert, dann sechsfach geschliffen und letztendlich vom Seniorchef des Hauses mit Bienenwachs poliert. Das ist anspruchsvoll und schwierig, garantiert jedoch, dass der Stock diesen besonderen schmeichelnden Griff bekommt, dessentwegen man ihn nicht mehr aus den Händen geben mag.

In der Stockfertigung bekommt der Griff außerdem noch eine Mechanik, zu der eine Feder gehört, die den Schirm zusammenhält. Die Feder ist aus Klavierseitendraht und wird mit einer Maschine in den Stock eingebracht, die es in dieser Form inzwischen gar nicht mehr zu kaufen gibt. Alle anderen Metallteile, die zum Stock gehören, werden in Österreich hergestellt und in diesem Raum montiert.

Nun gehen wir weiter, passieren ein kleines Lager mit unzähligen Kisten und Schirmspitzen, Stöcken und Material. Ein seitlicher Blick in das kleine Kontor und schon stehen wir in der hellen Nähstube, die einen Blick über die Dächer der Salzburger Altstadt erlaubt.

Hier in der Näherei werden die Schirme mit dem Stoff bespannt. Dicht gewirkte Mailänder Baumwollstoffe, Mikrofasern, Polyester und Nylon werden in allen denkbaren Farben gelagert und nach Kundenwunsch konfektioniert.

Auf einem Tisch liegen dicht beschriebene alte Pappschnitte bereit, auf denen im Laufe der Zeit Tipps und Tricks für die Verarbeitung notiert wurden. Allein das mutet wie ein riesiger Schatz an und mein Schneiderherz hüpft in Erinnerung an alte Zeiten.

Während an einer Fensterseite des Raumes die Nähmaschinen bereitsstehen, hängen gegenüber an der Decke die vorbereiteten Schirme mit ihren Spannvorrichtungen aus Metall, die ohne den Stoff noch den Charme eines Spinnenskelettes verbreiten. Direkt darunter steht ein Ständer, in dem riesige bedruckte Schirme stecken. Was ist das?

Eine Frage der Ehre: Schirme für das Red Bull Racing Team

Kirchtag fertigte lange, bis auf eine einzige Ausnahme, die er für Porsche machte, nur für Einzelkunden, denn mehr als 400-500 Schirme pro Jahr sind in der traditionellen Art kaum möglich zu produzieren. Dann kam der  österreichische Rennstall Red Bull auf ihn zu und er konnte ein weiteres Mal einen Großauftrag nicht ablehnen. Regnet es also während eines Formel 1-Rennens, wird vom Red Bull Racingteam nicht irgendein Schirm aufgespannt: es muss ein Kirchtag sein!

41 Schirme pro Saison werden im aktuellen Style der Rennsportprofis genäht. Zwanzig bekommt das Racing Team, zwanzig gehen an Toro Rosso und jeweils einen behält die Manufaktur selbst. Fans würden sich zerreißen dafür. Hier werden sie mit einem stolzen und bescheidenem Lächeln präsentiert.

Wir sind am Ende unserer Führung angelangt. Die Umsätze, die das Unternehmen trägt, werden  längst im Laden unten gemacht, weil die Schirme, die aus Asien auf den europäischen Markt kommen, deutlich günstiger sind.

Die Kirchtag-Schirme sind ihren Preis, der zwischen 200 und 500 € liegen kann, dennoch wert. Natürlich ist das eine Summe, die schmerzt, aber man kauft eben mehr ein, als ein Stück Stoff, das den Regen abwehrt. Traditionen werden gepflegt und ein Handwerk wird erhalten. Wenn man das nächste Mal sein elektronisches Equipment nach nur einem Jahr tauscht, sollte man vielleicht daran denken. Ein Schirm von Kirchtag wird bei Bedarf mehrfach repariert. Der schmeichelnde Griff des Stockes, das edel schimmernde Holz kann einen jahrelang treu begleiten und taugt im Salzburger Schnürlregen genauso wie auf der New Yorker 5th Avenue. Wer kann das von seinem Handy schon noch sagen…


Schirmmanufaktur Kirchtag

Getreidegasse 2
A 5020 Salzburg
Tel. +43/662/84 13 10
Öffnungszeiten Ladengeschäft Montag – Freitag 8 – 18 Uhr Samstag 9 – 17 Uhr (Stand 2015)
→ www.kirchtag.com


Blick auf Salzburg

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Charis

Freie Journalistin, Reisebloggerin, Social Media und PR für Hotels und Destinationen bei Charis Stank – wohlgeraten.de – blog.wohlgeraten.de
Der Alpenraum ist in seiner Vielfältigkeit schier unerschöpflich. Kaum hat man ein Tal bereist, warten hinter den Bergen schon neue Abenteuer. Ein Puzzlespiel, bei dem es fast unmöglich erscheint,es ausreichend und umfassend zu beschreiben. Ich habe es mir dennoch zur Aufgabe gemacht und berichte auf blog.wohlgeraten über Land und Leute, Wanderungen, gute Küche, Architektur und vieles mehr.
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