Allgemein, Charis, Reiseberichte, Südtirol, Wanderungen
Kommentare 18

Die Drei Zinnen – Eine Wanderung mit Folgen

Südtirol. Ob es für ein Unternehmen tatsächlich eine exakte Geburtsstunde gibt oder ob es viele kleine Faktoren sind, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen: Ich weiß es nicht. Wenn es für meinen Wohlgeraten jemals so etwas wie eine Initialzündung gab, dann fand diese wohl hier statt: in der wunderbaren Umgebung der Sextener Dolomiten, an den Drei Zinnen in Südtirol.

blick-drei-zinnen-huette

Es war 2008.  Wie das Leben so spielt, stand ich in diesem Sommer vor der Entscheidung: entweder allein wandern zu gehen oder gar nicht. Nicht, dass es mir an Freunden oder Familie gemangelt hätte, aber es gibt Situationen, in denen ich wissen möchte, ob Dinge nur in einer Gemeinschaft funktionieren oder ob ich sie, je nach Lust und Laune,  auch alleine stemmen kann. Dazu gehörte damals eine Tour in den Bergen inklusive Übernachtung im Wald, Wanderroute aussuchen und Hüttenwanderung.

Heute kann ich beruhigt sagen: Es funktioniert und ich verbinde mit diesen Tagen sehr viele schöne Erinnerungen und Gedanken, die ich damals (ich hatte noch kein Smartphone und nicht mal einen Fotoapparat dabei) mit einem einfachen Handy eingefangen habe.

Ich erinnere mich an meine Aufregung zuvor und an die Genugtuung, als ich alles im Rückblick betrachten konnte. Unterwegs als ich das erste Mal den Gaskocher allein zusammenschraubte, um mir einen Kaffee im Freien zu kochen. Die erste Nacht im Auto ohne Begleitung: Ich war so müde. An Angst war gar nicht zu denken – ich schlief sofort ein. Das Ankommen in Südtirol und das Vorbereiten meiner Wanderung: Wanderkarte kaufen, Rucksack packen, Hüttenschlafplätze reservieren.

Ich glaube, diese Tage in den Dolomiten haben meine Liebe zu den Bergen verwandelt. Aus der romantischen Verklärung der Heidi-Bücher wurde die Gewissheit, dass jeder, der sich in dieses Abenteuer begibt, viel erhält, gleichzeitig einiges auf sich nehmen muss. Müdigkeit bis zur Erschöpfung, schnelle Wetterumschwünge und Einsamkeit.

Mir hat das Freude bereitet. Ich brach früh in den Morgenstunden auf und sah die Berge vor mir. Mit den folgenden Bildern möchte ich meinen Weg beschreiben und schließlich erzähle ich, warum ich glaube, dass dies die Geburtsstunde von wohlgeraten war.

Die Wanderung beginnt am Fuße der Sextener Dolomiten, die ich über Innichen erreichte. Auf der Schautafel kann man sich einen Überblick vom Gebiet machen.

drei-zinnen-schautafel

Nahe der Fischleinbodenhütte startete ich in den frühen Morgenstunden auf dem Weg 103 Richtung Talschußhütte ( 1548 m) und Zigmondyhütte (1901m). Die Berge lagen traumhaft vor mir und bei herrlichem Wetter stieg ich auf. Hier ist auch das erste, wie man inzwischen sagt, Selfie von mir entstanden. Damals funktionierte das noch mit Selbstauslöser, denn das Telefon konnte man prima auf kleinen Felsvorsprüngen abstellen.

blick-nach-obench-wanderungzigmondy-huette

Auf der Zigmondyhütte hatte ich mir meine erste Blase gelaufen und musste eine Pause einlegen.

Von hier ab wolte ich weiter zur Büllejochhütte aufsteigen, um dort mein erstes Nachtquartier zu nehmen. Leider verfehlte ich trotz Kompass-Wanderkarte eine Abzweigung und verlief mich in einem Schotterfeld. Ein freundlicher Südtiroler, den ich traf, half mir weiter und wir wanderten den Weg gemeinsam bis zur Büllejochhütte.

Hier oben wurde ich erstmalig mit den schauerlichen Resten des ersten Weltkrieges konfrontiert. Die rostigen Zeitzeugen ragten immer wieder mahnend empor.

Am späten Nachmittag kam ich in der Büllejochhütte (2528m) an, eine privat geführte Hütte, klein, urig und von Parkplatztouristen verschont. Schon bald wurde es hier ruhig und nur noch die Übernachtungsgäste blieben.

Ich nahm mit den Hüttenbesucher in unterschiedlichen Nationalitäten mein Abendessen ein, ein buntes und nettes Völkchen und genoss eine Sternschnuppen-Nacht der besonderen Art.

BüllejochhütteSextener Dolomiten

Da ich nur noch ein Notbett hatte reservieren können, hieß es zu fortgeschrittener Stunde: Tische abräumen, alles herunterklappen und aus der Gaststube ein zweites Schlafquartier bauen. Es versteht sich von selbst, dass hier alle mit anpackten.

Ich, die eigentlich eher Angst vor Hunden hatte, schlief glücklich neben dem Hüttenhund ein und neben dem kleinen Ofen, auf dem sich die Sitzkissen stapelten.

Gern erinnere ich mich an den folgenden Morgen, der früh begann und den ich durch das kleine Fenster der Hütte warm eingekuschelt verfolgte. Der erste Kaffee am Morgen schmeckte viel besser als zuhaus und mit Speck und Eiern verschaffte ich mir eine vernünftige Grundlage für die kommenden Stunden.

fenster-huettekissen-huettehuettenfruehstueck

Gut informiert über meine nächste Tagesetappe brach ich nun mit dem Nötigsten zu meiner Runde um die drei Zinnen auf. Den Rucksack deponierte ich in der Hütte, um ihn am Abend  auf dem Weg zur Zigmondyhütte wieder abzuholen.

Es war ein sonniger Morgen und um kurz nach sieben war ich fast ununterbrochen allein hier oben unterwegs. Ich machte ein weiteres „Selfie“, welches ich noch Jahre später  als Profilbild in den Social Media Kanälen verwendet habe und sicher hat es einen Teil dazu beigetragen, dass ich mir als „bergfee“ und Alpenliebhaberin einen Namen machen konnte.

ch-drei-zinnen

Ich wanderte zunächst Richtung Auronzo-Hütte, um dann kurz vorher in Richtung der Drei Zinnen abzubiegen. Man hatte mir gesagt, dass ich den Weg unter den Zinnen nehmen könnte, ein Schotterfeld durchsteigen und dass auf der anderen Seite eine Alm wäre, auf der man frischen Joghurt essen kann. Das spornte mich an!

In dem Schotterfeld verlor ich jedoch trotz Steinmännchen die Orientierung und verstieg mich komplett. Auf allen Vieren musste ich immer wieder nach oben krabbeln und den rechten Weg suchen, bis ich endlich dieses Stück hinter mir lassen und die Aussicht erneut genießen konnte.

unterhalb-der-zinnenblick-verstiegenDolomiten Drei Zinnenblick-von-den-zinnen

Ich hatte mir die Wanderung leichter vorgestellt. Das Verlaufen im Schotterfeld fand ich weniger witzig, weil die anderen vermutlich nicht umsonst in diesem Bereich ihre Kletterhelme trugen. Mit dem Joghurt gestärkt, ging es nun durch eine Talsohle herunter und wieder hinauf zur Dreizinnenhütte, dem Refugio Antonia Locatelli .

Hier nicht schlafen zu müssen war gut, denn die Hütte war über und über mit lauten Tagestouristen gefüllt. Lediglich der Blick war ein echter Traum. Ich verschnaufte, musste aber bald weiter, da noch einige Höhenmeter vor mir lagen und ich am Abend die Zigmondyhütte erreicht haben musste.

bergstiefel-zinnen

Müde, geschafft und spät kam ich in der Büllejochhütte an. Ich erinnere mich, dass ich meinen Rucksack mehr oder minder wortlos nahm. Als die Zigmondyhütte Kurve um Kurve nicht zu erkennen war, wäre ich gegen 17.30 Uhr beinahe samt Rucksack auf einer Wiese eingeschlafen. Seit  7.00 Uhr war ich fast ununterbrochen gelaufen und hatte geschaut. Jetzt konnte ich nicht mehr.

Ich erreichte die Hütte, legte mich mit voller Montur auf das Bett und schlief auf der Stelle ein.

Kurz vor Küchenschluß erwachte ich. Nun hieß es den Kopf schnell unter eiskaltes Wasser halten (warmes Wasser gab es ohnehin nicht) und dann ab in die Hüttenstube.

Ein Tisch, voll besetzt mit italienischen Wanderern, war der einzige, an dem noch ein freier Platz war. Ich schaufelte hungrig meine Käsenudeln und kam mit den Männern in ein fröhliches Gespräch. Sie hatten die ganze Zeit nach Mann und Kind von mir gesucht und mussten nun sehr lachen, als ich meine Geschichte erzählte und mir als Schlaftrunk einen Enzian bestellte.

Am nächsten Tag war das Wetter schlecht und ich froh, nun nur noch den Abstieg ins Tal vor mir zu haben.

drei-zinnen-ich

Ich hatte mir Hirschsalami gekauft, Käse und Schüttelbrot. Diese Vesper schmeckte hier besser, als irgendwo anders auf der Welt und es war doch so einfach. Dieses Gefühl, nicht viel dabei haben zu müssen, außer einer Brotzeit, einem Taschenmesser und dem Willen, etwas zu schaffen, das wird die Geburtsstunde von wohlgeraten gewesen sein, denn ich habe immer wieder daran gedacht und später vieles danach ausgerichtet.

vesper

Jahre später kehrte ich noch einmal hierher zurück. Ich hatte meinen Shop inzwischen und mein Blog und die folgenden Bilder sind bei dieser Wanderung entstanden.

drei-zinnen-picknickOpinel Messer von wohlgeraten.de

Eine Reise nach Südtirol kann ich jedem nur wärmstens empfehlen. Auch eine Hüttenwanderung. Probiert es aus!

Küssende Kühe

weg-zurueck


Eine Anfahrtsbeschreibung habe ich in diesem Blogbeitrag von Wandertouren-Magazin gefunden. Ebenso Telefonnummern von allen Hütten. Eine Vorreservierung des Nachtquartiers empfehle ich unbedingt!

Auch im Blog Wandern in Südtirol kann man es gut nachlesen.

Die einzelnen Hütten habe ich im Artikel verlinkt. Einfach anklicken.

Ein Film, der sich ,mit der Thematik des ersten Weltkriegs in dieser Region auseinandersetzt, kam in diesen Tagen in die österreichischen Kinos. Ernst Gossner hat den Film „Der Stille Berg“ gedreht und viele Szenen in den Bergen spielen in dieser Region.

Hier beschreibe ich, was ich seither immer bei Wanderungen dabei habe: Nie ohne diese Drei – Ein Blogstöckchen


Nützliches für unterwegs von wohlgeraten

wollsocken-steiner-1888 original-knickerbookerl-notizbuch Opinel Nr. 7 Buchsbaumholzgriff Herzen

Folge mir!

Charis

Inhaberin bei wohlgeraten
Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
Folge mir!

18 Kommentare

  1. Jana sagt

    Super schöne Bilder, da werde ich auch gleich wieder wehmütig! War letztes Jahr in Seis am Schlern, das war auch super schön!

  2. Liebe Charis, dein Bericht ist wirklich sehr interessant und auch inspirierend, danke dafür! Ich weiß nicht, ob ich mich als Frau alleine an eine Hüttenwanderung herantrauen würde… Aber deine guten Erfahrungen machen auf jeden Fall Mut! Schön, dass ein eigentlich so simples Erlebnis einen Menschen so positiv prägen kann. Alles Liebe für die Zukunft! Sarah :)

  3. Alleine wandern ist auch schon länger ein Punkt, den ich auf meiner „unbedingt-noch-machen-wollen-Liste“ gerne mal angehen würde. Einfach mal zu sich selbst finden. Im Sommer bin ich aber erstmal mit meiner Familie im Hotel Welschnofen. Da werden wir auf alle Fälle auch ganz viel wandern in atemberaubender Landschaft. Ich freu mich schon so!

  4. Dein Bericht ist sehr emotional und auf gleiche Weise interessant. Es ist schön zu lesen was du erlebt hast und was du dabei empfunden hast. Wirklich sehr schön!

    Liebe Grüße aus dem Hotel Obereggen

  5. Julia sagt

    Dein Bericht ist sehr emotional und auf gleiche Weise interessant. Es ist schön zu lesen was du erlebt hast und was du dabei empfunden hast. Wirklich sehr schön!

    Liebe Grüße

  6. Hey, wirklich ein toller Bericht mit vielen tollen Fotos :) Wir fahren nächstens zum Urlaub im Eisacktal :)

  7. Einsamkeit – ein Wort, das immer so negativ benutzt wird. Dabei kann sie auch mal sehr befreiend und schön sein. Das liest man aus deinem Text auch sehr schön heraus. Ich finde es toll, wie viel Spaß du bei diesem Abenteuer hattest. Und freue mich auf meine nächste Wanderung im Jochtal.

  8. Wandern ist einfach wundervoll. An so eine große Tour habe ich mich noch nicht gewagt. Meine erste Annährung an die Dolomiten war in diesem Sommer im Hotel Arvina Es ist eins der schönsten Seiser Alm Hotels(www.hotelarvina.com). Von dort aus habe ich wandernd das Umland erkundet, für den Anfang gar nicht so schlecht, denke ich.

  9. norbert sagt

    Hut ab …sso ganz allein aber nicht so gefährlich wie in NY nachts U-Bahn zu fahren. Falls du mal wieder eine smal Tour für Untrainierte machst, ich bin dabei ;-)
    Die Berge haben was…
    Norbert Berlin

  10. Liebe Charis, das ist eine wunderschöne Geschichte! Da geht mir das Herz auf! Die Drei Zinnen stehen auch auf meinem Wanderwunschzettel. Und mit dabei sein werden die Steiner Socken, das Opinelmesser und die Freude, dass es Dich und wohlgeraten gibt.

  11. Roland sagt

    Liebe Charis! Wie so oft habe ich gerade Deinen Artikel gelesen und ich war zugegeben sehr neugierig, was Dich zu Deinem schönen Projekt „wohlgeraten“ geführt hat. Du hast ein echtes Talent, Menschen in Deine Welt zu führen! Mit Worten und Bildern! Das finde ich überaus beeindruckend! Und schön! Man hat unwillkürlich Lust, Deinen Spuren zu folgen und Ähnliches zu erleben. Mach einfach weiter so und geh Deinen Weg, Du tust das, was Du tun solltest!

  12. Corinna Outdoormädchen sagt

    Liebe Charis,

    was für ein schöner und herzlicher Bericht! Ich kann absolut nachvollziehen, was die Berge in Dir ausgelöst haben und es immer noch tun!
    Als Bergfee habe ich Dich auch kennengelernt – Deine Sprüche sind einfach der Hammer! Bitte mehr!

    Einen schönen Abend Dir noch und einen lieben Gruß,
    Corinna

  13. Matthias M. Meringer sagt

    Einsamkeit ist herrlich. Niemand lenkt dich ab und quatscht dich voll. Nur du und deine Gedanken. Und wenn es noch so anstrengend ist: Das Gefühl, es geschafft zu haben, ist unbezahlbar. Und dann noch in der sensationellen Landschaft – toll.

    Du hast das sehr anschaulich beschrieben. Schön.

Jeder Kommentar freut mich!