Allgemein, Menschen, Sichtweisen
Kommentare 2

Sei wie Du bist!

Deutschland ist nicht …!   So kann man es in diesen Tagen überall lesen.

Eine Auslegungssache, die einesteils stimmt und andererseits überhaupt nicht. Denn erstens sind die Orte, denen man das nachsagt mehr als eine Horde aggressiver Randalierer und zweitens sind die Orte eben doch in Deutschland und somit ein Teil des Ganzen. Die Formulierung ist falsch und wird viel zu oft so verwendet. Wir brauchen Bilder, die Versöhnlichkeit fördern. Keine, die Mauern aufbauen.

Deutschland ist die Summe all dieser Orte. Auch wenn es nicht so ist, wie wir es uns wünschen.

Rückblick

Als ich 1986 mit meinen Eltern in einer norddeutschen Kleinstadt aus dem Zug stieg, jeder zwei Koffer in der Hand mit all unseren Habseligkeiten, glaubten wir uns nicht fremd. Ich erinnere mich an den sonnigen Märztag mit klarem blauem Himmel. Nach der emotionalen Verabschiedung aller Verwandten nebst engster Familienmitglieder, reisten wir in ein großes Abenteuer: die Freiheit des Westens. Ich war voller Vorfreude und Glück.  Meine Mutter hielt einen riesigen Strauß Abschiedsblumen im Arm. Am Bahnsteig blieb ein Pulk weinender, winkender Menschen zurück. Bis heute kann ich schwer Abschied nehmen.

Wir waren staatenlos, aber wir sprachen die selbe Sprache, hatten den gleichen Glauben, vergleichbare Werte. Sogar die Fernsehsendungen, die abends liefen, kannten wir. Wir waren von Deutschland nach Deutschland gereist. Wir blieben praktisch im Land. Für’s erste besaßen wir keinen gültigen Pass. Ein komisches Gefühl war das schon, aber für uns trotzdem ein glückliches.

In den ersten Wochen im Westen hieß es ankommen. Wir wohnten bei Verwandten, teils bei Freunden, besuchten das Auffanglager Giessen und suchten uns Arbeit und Wohnung. Die Hilfsbereitschaft war groß. Ich entschied mich wieder zur Schule zu gehen. Der Abschluss, den man mir trotz bester schulischer Leistung verwehrt hatte, schien hier möglich. Ich freute mich darauf.

Es begann das Eingewöhnen. In Norddeutschland fanden wir ein neues zuhause. Mein Vater war ein anerkannter Arzt. Ich besuchte ein Gymnasium. Jetzt hieß es neue Freunde finden. Der Schulbesuch schien eine gute Basis dafür.

Meine ersten Wochen im Gymnasium lieferten mir den Gegenbeweis. Es würde schwer werden:
– Du kommst aus dem Osten? Aber Du sprichst doch deutsch?
– Wenn ich so eine Scheiß Aussprache hätte wie Du, würde ich hier gar nichts sagen! (Englischunterricht)
– Wie kommst Du denn hier rein? – Durch die Tür?- Aber Du hast doch gar keinen Clubausweis! (Besuch einer Tanzschule meiner Mitschüler)
– Kaum aus dem Osten gekommen, und schon einen Freund mit einem Porsche! (Aussage über einen damaligen Freund von mir, dessen Autotyp ich gar nicht kannte)
Den Gipfel lieferte einer meiner Lehrer, der meinem Vater mitteilte: Das Abitur kann man hier gar nicht sofort schaffen, wenn man aus dem Osten kommt.
Und  noch viele Jahre später teilte mir einer meiner ehemaligen Mitschüler auf dem Klassentreffen mit: Mit Dir hätte ich damals sowieso nicht gesprochen. Du warst doch aus dem Osten.

Gegenwart

Warum ich das alles aufschreibe?

Weil auch Orte, in denen Menschen leben, die uns nicht passen, Deutschland sind. Weil man auch als Deutscher zwischen weltoffenen und gastfreundlichen Menschen noch sehr, sehr fremd sein kann.

Ich habe es nie wieder geschafft mich zugehörig zu fühlen. Heute habe ich aus meiner Passion, der Liebe zu den Bergen einen Beruf gemacht, mein wohlgeraten. Ich reise viel und gern und in meinem Tun und in meiner Familie habe ich ein neues zuhause gefunden. Das gibt mir Halt.

Die Flüchtlinge berühren mein Herz.
Mein eigenes Kind ist in einem freien Land aufgewachsen. Für sie, wie für mich, ist es ganz selbstverständlich den in Not geratenen zu helfen, so wie für viele andere von uns.

Es erscheint mir aber notwendig die Ruhe zu bewahren und Lösungen zu finden, für Situationen in denen die Menschen (leider) anders ticken als bei uns.  Hasstiraden und Ausgrenzen sind keine Lösung.

Ich wünsche mir, das keine neue Mauern entstehen.

karte-sei-wie-du-bist

Folge mir!

Charis

Inhaberin bei wohlgeraten
Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
Folge mir!
Kategorie: Allgemein, Menschen, Sichtweisen

von

Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.

2 Kommentare

  1. Liebe Charis, großes Kompliment für diesen Beitrag, geschrieben im besten Deutsch, das man sich denken kann, geschrieben aber auch mit der Erfahrung des Deutschen im eigenen Land, die ich auch nach der Flucht vor der SED als Kind erlebt habe. Wir waren nicht willkommen, wie waren lästig als diejenigen, die den damals nach dem Krieg so knappen Wohnraum mit beanspruchten – zunächst in Untermiete mit Klobenutzung. Ich habe Deutschland irgendwann einmal verlassen, erst gedanklich, dann physisch. Meine einzige Heimat ist meine Sprache geblieben, da kann ich nicht fort. Eine neue Heimat habe ich in Südtirol gefunden, wenn auch als Deitscher – aber immerhin freundlich integriert in die Deutschsprachigen, besser als jeder Italiener. Ich wünsche mir das gleiche für viele Flüchtlinge, die mit Hoffnungen, Begabungen und gutem Willen hier ankommen und zunächst an den bürokratischen Bedingungen hängen bleiben. Ich wünsche mir ein Europa, das aus den nationalen Egoismen heraus wächst, seine Regionen stärkt und mutig genug ist, in den aufgenommenen Flüchtlingen eine Bereicherung zu sehen.
    Nochmals Dank für den schönen und anrührenden Text!
    Andreas

  2. Sehr bewegend und berührend geschrieben.
    ich sehe das wie du. Jeder sollte sich einmal vor Augen führen wie es wäre, wenn wir Flüchtlinge wären. Wie glücklich wären wir, erst einmal irgendwo aufgenommen zu werden?

    LG Mel

Jeder Kommentar freut mich!