Allgemein, Charis, Menschen, Sichtweisen
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Geschichte vom Wannenrand

Es war ein Augenblick. Einer von denen, in denen ich innehalte und denke: Verflixt!

Meine Mutter ist zu Besuch. Das ist schön. Weil es dann ein wenig wie früher ist und weil ich das sehr mag.
Heute betrat sie nach mir das Badezimmer und nahm sich ihr Handtuch vom Wannenrand. Eines, welches ich wie selbstverständlich immer noch benutze, immer wieder für sie hinlege.

Es ist alt und die Farben sind verblichen. Vom Muster spreche ich gar nicht. Das ist Geschmackssache. Das Handtuch begleitet mich seit Ewigkeiten und ist deswegen schön. Schön, weil es hält. Schön, weil es seine Funktion erfüllt. Gar nicht mehr.

Und dann sagt meine Mutter etwas, worüber ich nie nachgedacht habe: „Wie erstaunlich. Wie erstaunlich, dass du DIE noch benutzt. Die sind so alt. Sie wurden in der Fabrik deines Großvaters gewebt. Wie der sich freuen würde, wenn er wüsste, dass sie heute in Hamburg von seiner Enkelin benutzt werden.“

In dem Moment schoß mir durch den Kopf: „Und wenn der wüsste, wo das überall war. In den Alpen, auf dem Berg, in Hütten. In Italien und in Amerika. Verrückt müsste er werden. Und sich ziemlich freuen, denn er ist selbst so gern gereist.“

Jetzt mache ich das, was er nicht konnte. Der Großvater ist tot, war kriegsverletzt, ist nicht alt geworden. Die Fabrik ist enteignet. Von den Handtüchern nur noch Reste. Und ich habe eine neue Chance: ich kann handeln, meinen Shop aufbauen, so wie ich mag. Und dies so, wie mein Großvater, wie ich aus Erzählungen weiß, so gern gemocht hätte.

Ich kann reisen, weil kein Krieg mir im Weg steht und keine Grenzen, durch die man nicht hindurch darf. Ich freue mich darüber, denn ich kenne es noch anders.

Heute erinnere ich mich an sein Glasauge und an die Grenzen, die auch für mich eine Weile undurchdringlich blieben. Und dann weiß ich, wieso ich wohlgeraten so viel Tiefe geben mag und Produkte, die lange halten. Weil es einfach schön ist, wenn nach Jahren deine Mutter ins Bad kommt, ein Handtuch oder einen anderen Gegenstand in die Hand nimmt und sagt: „Den kenn ich von früher. Den gab es so schon in deiner Kindheit.“

Charis

Waschen am Fluß – Unterwegs in den Alpen

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Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
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2 Kommentare

  1. Roland sagt

    Liebe Charis! Wirklich ein schöner Gedanke und sehr berührend beschrieben. Solche Texte tragen zu einem schönen Tag bei! :-)

  2. Matthias M. Meringer sagt

    Das hast du schön beschrieben. Gefällt mir.
    Matthias

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