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Gasteiner Heilstollen | Wärme statt Gold

SalzburgerLand. Bad Gastein/Böckstein. Als die Bahn anfährt, lächelt mir ein Herr in dunkelgrünem Bademantel und imposantem Kaiser-Franz-Joseph-Bart aufmunternd zu. Ich fühle mich wie in einem alten Film. Und überhaupt: Was mache ich hier in einem Heilstollen? So alt bin ich doch noch gar nicht.

Aufgeregt bin ich allerdings schon. Dabei ist die Einfahrt in den Gasteiner Heilstollen auf keinen Fall eine Fahrt ins Ungewisse. Gut vorbereitet bin ich und durchgecheckt auch. Es kann losgehen!

modell-heilstollen

Der Gasteiner Heilstollen ist durch seine Radonstrahlung kombiniert mit Wärme weltweit einzigartig. Er ist bekannt für seine heilende Wirkung bei rheumatischen Erkrankungen und mehr. Auch wenn es andernorts auch Radonstollen gibt: der Gasteiner ist besonders.

Ich erfahre von dem älteren Herren mit Bart, dass er bereits seit 30 Jahren beständig ins Gasteinertal reist, eigens wegen dieser Therapie. „Es ersetzt mir die Medizin! Früher fuhren wir sogar noch mit offenenen Waggons hier ein.“ berichtet er zufrieden. Ihm und alle anderen, die ich bis jetzt danach befragt habe, scheint es ähnlich zu ergehen. Ich darf gespannt sein, was mich erwartet!

DER GASTEINER HEILSTOLLEN – GESCHICHTE

Der Eingang zum Stollen liegt am Ende des Tales, am Fuß des Radhausbergmassivs in 1290 m Höhe. Die mondänen Kurorte mit den Thermalquellen und Bädern hat man längst hinter sich gelassen, ein paar kleinere Siedlungen gequert und kurz bevor die Straße nach Sportgastein (ehemals Naßfeld) führt, geht es links den Berg hinauf.

Obwohl wir Ende März haben und im Tal der Frühling die ersten Blüten zeigt, ist es heute ungemütlich und kalt. Als ich das Kurgebäude erreiche, schneit es. Das passt prima zur Bergwerkskulisse von einst und ich freue mich auf das noch unbekannte „Durchwärmen“, das nun vor mir liegt.

 

blick-zum-kurhaus blick-aus-dem-kurhaus

Am Eingang des Kurgebäudes werde ich erwartet. Zunächst erfahre ich etwas über die Entstehung und Geschichte des Heilstollens, dessen Entdeckung eher auf einen Zufall zurückzuführen ist.

Im Gasteinertal hatte man im 15. Jahrhundert Golderz gefunden und so feierte der Bergbau in den folgenden zwei Jahrhunderten seine größten Erfolge. Dem tat es auch keinen Abbruch, dass das mühsam gewonnene Gold zu großen Teilen an die Erzdiözese Salzburg weitergegeben werden musste.

Im 18./19. Jahrhundert wurde es ruhiger. Erst in den vierziger Jahren erinnerte man sich an die Bodenschätze von einst zurück und versuchte, an alte Erfolge anzuknüpfen. Ein neuer Stollen wurde geplant: diesmal wollte man im Radhausberg, deutlich niedriger angesiedelt als die historischen Stollen, das begehrte Edelmetall finden. 1940 steht als Entstehungsjahr in großen Zahlen über der Einfahrt zum Paselstollen.

Aber es kam anderes als geplant. Während die Bergarbeiter, von denen viele gezwungenermaßen im Bergbau arbeiten mussten, nicht das gewünschte Erz fanden, stellte man fest, dass sich ihr gesundheitliches Befinden durch die Arbeit in dem warmen, von der Gasteiner Thermalluft durchströmten Stollen trotz der harten Arbeit beständig besserte. Der Goldabbau wurde eingestellt und nie wieder reaktiviert.

Man forschte weiter und wies den Radongehalt in der Luft nach. In den fünfziger Jahren begann man, den Stollen für die Radontherapie zu nutzen.

bahnhof

RADON – DIE HEILENDE STRAHLUNG AUS DEM BERG

Die Radonwärmetherapie stellt eine Alternative zur medikamentösen Behandlung von schmerzhaften rheumatischen Beschwerden,  Beschwerden des Bewegungsapparates, der Atemwege und der Haut dar. Sie zeigt bei diesen Krankheitsbildern eine sehr nachhaltige, teils bis zu neun Monaten anhaltende positive und schmerzlindernde Wirkung. Oftmals hilft sie Patienten, bei denen normale Medikamente nicht mehr greifen oder denen eine medikamentöse Behandlung des Schmerzes mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden wäre. Eine Kur dauert bis zu drei Wochen, in denen der Patient sechs bis zwölf mal in den Berg einfährt. Jeder Aufenthalt dauert eine Stunde plus eine halbe Stunde Ruhepause hinterher.

Radon ist ein farb- und geruchloses Gas, das natürlich aus Gestein austritt. Jeder Mensch nimmt es über die Atemluft und Nahrung auf. Aufgrund seiner hohen therapeutischen Wirksamkeit bei verschiedenen Krankheitsbildern kommt Radon schon seit vielen 100 Jahren in niedrigen Dosen als Heilmittel zum Einsatz.

Radon setzt im Körper milde Alphastrahlen frei. Diese regen körpereigene Zellreparaturmechanismen an und verringern die Aktivität von Entzündungszellen sowie Schmerzbotenstoffen.

(Quelle: Gasteiner Heilstollen)

Wenn man in Gastein 10-12 Behandlungen hintereinander gemacht hat, entspricht die Strahlenbelastung in etwa einer Röntgenaufnahme der Wirbelsäule. Über ein derart geartetes Risiko muss man sich als normaler Patient daher in diesem Bereich keine Sorgen machen und auch die Mitarbeiter dieser gut gepflegten Kureinrichtung sind allenfalls einem erhöhten, keinesfalls aber einem gesundheitsschädigendem Risiko ausgeliefert!

FAHRT IN DEN BERG

Nun geht es los!

Vor meiner Einfahrt in den Berg werde ich untersucht und nach eventuellen Vorerkrankungen gefragt. Klaustrophobie wäre z.B. eine NoGo ebenso wie eine Schwangerschaft. Da ich fit und gesund bin, steht meinem Besuch im Berg nichts entgegen.

Es erwarten mich Temperaturen zwischen 37,5 und 42 Grad bei bis zu 100% Luftfeuchtigkeit. Letzteres versetzt den Körper kurzzeitig wie in ein künstliches Fieber. Da der Stollen jedoch in unterschiedliche Bereiche unterteilt ist, wird mir zum Einstieg ein Aufenthalt auf Station 1 zugewiesen. Hier geht es noch sehr milde zu und sowohl Wärme, als auch Luftfeuchtigkeit bewegen sich auf einem gut ertragbaren Level.

Ich erhalte Badeschuhe und einen Bademantel und werde gebeten mich zu einer vorgegebenen Zeit in Badesachen am Eingang zum Stollen einzufinden.

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Kurz vor 12.00 Uhr steht der Zug am Eingang des Paselstollens bereit. Meinen Fotoapparat hätte ich einen Tag vorher zum Akklimatisieren in den Stollen geben müssen. Ansonsten ist es zu warm und zu feucht. Also sind die folgenden vier Aufnahmen nicht von mir, sondern vom Gasteiner Heilstollen!

Während der beaufsichtigende Arzt mir im Bademantel und mit Handtuch bewaffnet den Weg zum meinem Abteil weist, drückt mir ein anderer Mitarbeiter ein weißes Leinenlaken in die Hand.

Ich nehme in einem der hinteren Abteile auf einem der roten Plastiksitze Platz. Die kleine Bahn poltert langsam los – immer tiefer in den Berg hinein.

Jetzt ist mir komisch zumute und ich bin froh, dass der Herr in dem grünen Bademantel mir Mut macht. Aber bald schon muss ich sehr lachen. Bevor die einzelnen Stationen mit den unterschiedlich temperierten Heilstollen erreicht werden, stoppt der Zug ein erstes Mal.

Eine Ansage ertönt, die zum Aussteigen und Bademantel ablegen auffordert und vor allem:  Von dieser Station an, herrscht ein striktes Redeverbot. Weder Atemübungen, noch der freundliche Plausch mit den Sitznachbarn sind nun noch erwünscht! Es herrscht absolute Stille!

Während ich bisher den heilenden Aspekt bei Erkrankungen im Vordergrund sah, wird mir schlagartig bewusst: Ich soll eine Stunde lang nicht reden! Eine Stunde? Wie soll das denn gehen?

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Wir fahren gefühlt ganz schön lange. Die Bahn fährt im Berg eine Schleife und hält immer wieder an, um Damen und Herren zu entlassen. So passieren wir Station für Station, bis es bei Nummer 4 die in Aussicht gestellten 42°C bei 100% Luftfeuchtigkeit gibt. Ich halte die Nase beim Halt kurz aus dem Zug raus und bin dann doch ganz froh, als es weitergeht. Ganz schön heiß!

Auf Station 1 werden die Herren nach rechts gebeten und die Damen nach links. Meine Mitfahrer halten sich alle strikt an das Ruhegebot. Es ist dunkel, aber nicht unangenehm duster. (Die Bilder hier sind heller, als das Original!) Jeder sucht sich eine der bereitgestellten Liegen aus und nimmt Platz.

Ab jetzt sind wir irgendwie eins mit dem Berg. Die Bahn rattert davon und außer einer Nottoilette gibt es keine weiteren sanitären Einrichtungen oder separate Aufenthaltsräume.

Ich versuche zur Ruhe zu kommen. Komisches Gefühl. Während sich viele einmal hinlegen und eine ganze Stunde nicht mehr rühren, bin ich viel zu unruhig. Umdrehen, umgucken, überlegen. Diese Form von Abschalten bin ich gar nicht gewohnt, aber die Wärme tut extrem gut und auch die Stille.

Weder der Fels ist mir unangenehm, noch der Gedanke mitten im Berg zu sein. Ich fühle mich geborgen und bin fast traurig, als der begleitende Arzt uns ankündigt, dass die Bahn in wenigen Minuten zur Ausfahrt hereinrollt.

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Dann donnert sie heran und wir warten hinter einem Sichtschutz bis zur Einfahrt. Erst dann werden wir aufgefordert, einzusteigen. Bis zur Bademantelstation ist es ganz still. Erst danach setzt vereinzelt ein leises Flüstern ein.

Die Mitreisenden in den Berg sehen nun verschwitzt und müde aus. Vermutlich ich auch, aber hier gibt es ja keinen Spiegel, in dem man das prüfen könnte. Eine angenehme Wärme und Zufriedenheit empfinde ich. Müdigkeit eher nicht so.

Das auf der Haut verbleibende Radon soll man nicht sofort abduschen, sondern noch die kommenden drei Stunden auf der Haut behalten. Dann verfällt es ohnehin.

Ich lege mich noch einige Minuten in einen der mit Entspannungsmusik beschallten Räume und schaue auf den verschneiten Bergwald. Gemütlich war es und irgendwie noch vielfach erholsamer als ein Gang in Sauna oder Therme.

Schade, dass es vorbei ist. Der Gasteiner Heilstollen hat einen neuen Fan gewonnen. Wenn ich wieder einmal hier bin, komme ich wieder!

ruheraum-gasteiner-heilstollen hinterher

Info

Gasteiner Kur-, Reha- und Heilstollen Betriebsges.m.b.H.
Gesundheitszentrum der Radon-Therapie
Heilstollenstraße 19
A-5645 Böckstein ¦ Bad Gastein – Salzburger Land
T 0043 (6434) 3753-0
info@gasteiner-heilstollen.com
www.gasteiner-heilstollen.com

Kosten: Krankenkassen übernehmen Anteile an Therapiekosten. Privat kostet eine Einfahrt in den Stollen ca. 64 Euro.

Ich konnte die Anwendung auf einer Reise unter Einladung der Gasteinertal Tourismus GmbH und des Tourismusverbandes Bad Hofgastein testen. Vielen Dank!


Auf dem Weg zurück nach Hofgastein zeigt mir mein aufmerksamer Taxichauffeur die kleine Bergmannsiedlung Alt-Böckstein mit einem außerodentlich interessantem Museum zur Geschichte des Goldabbaus im Gasteinertal. Darüber berichte ich dann als nächstes!

 

 

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Charis

Inhaberin bei wohlgeraten
Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
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4 Kommentare

  1. Heinz Schneider sagt

    Guten Tag,
    ich fahre seit 1989 in den Heilstollen ein. Seine Wirkung hat mein Krankheitsbild (Morbus Bechterew) positiv beeinflußt. Ich genieße die Atmosphäre und die Ruhe während der Einfahrt. Die Nachruhe in den Ruheräumen (das ausschwitzen in Baumwolllaken und Wolldecken) empfinde ich als angenehm.
    Zur Entstehung des Heilstollen sollte aber gesagt werden, dass die Nazis Gold gesucht haben, um ihren unseligen Krieg und ihre Machenschaften zu finanzieren.
    Gut ist, dass da kein Gold gefunden wurde.
    Für uns – die Kurgäste – ist der Heilstollen aber Gold wert!!!
    Ich freue mich auf meine nächste Kur in Gastein und im Heilstollen.

  2. Andrea sagt

    Zum Glück, kann jeder nur für sich sprechen und deshalb muss ich die Erfahrungen weitergeben die ich persönlich gemacht habe. Da ich seit vielen Jahren den Heilstollen besuche und dies 3 x je eine Woche im Jahr, kann ich für mich die Aussage von Andreas nicht teilen. Es bewirkt bei mir genau das Gegenteil. In der Ruhe der Einfahrt kann ich entspannen. Durch die Wärme tun es meine Muskel ebenso. Das Wissen, dass das Radon bei meiner chronischen Krankheiten noch
    hilft gibt mir den letzten Rest an gutem Gefühl.
    Fazit: Jeder muss es für sich ausprobiere um mitreden zu können.

  3. Radon ist für sehr sensible Menschen nicht ganz ohne. Meran z.B. hat über 100 radonhaltige Quellen in den umgebenden Hängen, die für das berühmte Meraner Badkurwasser verwendet werden, Thermalwasser. Bei meinen Besuchen in Meran habe ich mich spätestens nach drei Tagen Aufenthalt „aufgelöst“, schwitzend, unruhig, schlaflos. Ein Grund, warum ich mich später für Brixen mit seiner „härteren“ Atmosphäre und Strahlung als neue Heimat entschieden habe.
    Andreas

    • Lieber Andreas, Danke für Deinen Hinweis. Ich kann natürlich nur meine eigenen Eindrücke schildern und mein persönliches Empfinden.
      Außerdem habe ich vor Ort alle möglichen Leute verschiedenen Alters befragt. Vom Taxifahrer, der von Gästen berichtetet, die er seit Jahren fährt bis zu Besuchern im Haus. Die Resonanz war durchweg sehr positiv.
      Dass es Menschen gibt, denen es nicht so gut bekommt, kann sicher sein, aber die fahren dann möglicherweise so wie Du lieber gleich woanders hin.
      Danke für den Hinweis und liebe Grüße!

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