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Unterwegs auf fremden Pfaden

Schminkutensilien Fotoshooting Woman in  the City

Fotoshooting für die Woman in the City –

Ab und an stolpere ich in eine Situation hinein. Weil ich meine, könnt ich ja mal machen oder/und weil ich neugierig bin. Auf diese Weise wurde mir schon 5 cm vor der Nase ein Grashalm durch Peitsche gekürzt und einmal geriet ich in einer Zirkusvorstellung auf ein Pferd und sollte im Stehen durch die Manege galoppieren. Ich kann gar nicht reiten. Dass der Peitschenmensch sich vorher Mut antrank, erwähne ich nur am Rande. Eine Bereicherung. Später. Im aktuellen Moment eine Katastrophe.

Samstag war so ein Tag. In übermütiger Stimmung hatte ich mich für ein Fotoshooting beworben. Ich meinte, könnte Spaß machen. Als die Zusage kam, dass ich zu den Auserwählten gehöre, sah die Welt ganz anders aus. Da erkannte ich eine große Diskrepanz zwischen meiner Arbeit am Onlineshop, meiner Freude an der Abgeschiedenheit der Berge und am Erscheinen in einem Magazin, dass im Supermarkt für jedermann zum mitnehmen ausliegt.

Die folgenden Tage waren von Ananas und Obst geprägt. Ich wollte schließlich eine gute Fgur machen. Wenn schon, denn schon..

Es folgte der  Versuch eine Woche rechtzeitig zu Bett zu gehen. Das war das Schönste am Vorbereitungsprogramm. Tatsächlich war ich seit Wochen das erste mal ausgeschlafen. Unter diesem Aspekt gesehen, schien mir die Sache angenehm.

Samstag war Stichtag. Mein Frühstück fiel karg aus. Ich klammerte mich an die Kaffeetasse. 12.00 Uhr musste ich aus dem Haus. Bepackt mit meinen höchsten Stiefeln, Notfalloutfit und Telefon. Das Schlimmste (wohl für die meisten Frauen): ungeschminkt. Kleinigkeit dachte ich und setzte meine XXL-Sonnenbrille auf. Wer achtet in dem Moment darauf, dass es neblig ist und die Sonne sich gerade irgendwo in Afrika aufhält..

Angekommen, wurde ich freundlich empfangen und ohne Umwege in die Hände der Visagistin übergeben. Keine Frage – die Frau wusste, was sie macht. Freundlich war sie. Nur diese Kästen mit tausenden Farben, Pinsel zum abwinken und kein Spiegel im Raum? Ich entschied mich für Gleichmut, wenngleich Fluchtgedanken näher lagen.

In meinem Gesicht wurde geschmiert, gepudert und gepinselt. Den beherzten Blick in mein iPhone bereute ich auf der Stelle und verfluchte die Möglichkeiten ob der neuen Technik. Die Frau auf dem Bild konnte keinesfalls ich gewesen sein. Man bot mir zu trinken an. Ich wählte den Bergkräutertee, um einen Rest Identität zu wahren.

Bergkräutertee Fotoshooting Woman in the City

Man glättete mir die Haare. Ich kann das schwer beschreiben, aber wenn mein Pony auf der anderen Seite hängt, dann gehe ich krumm. Oder ich fühle mich so. Sie würden einen krummen Hering fotografieren müssen. Dachte ich.

Ich schmiss mich in das vorgesehene schwarze Strickkleid. Sehr hübsch. An anderen. Die Ananas hatte die Rundungen da genommen, wo das Kleid nun luftig zusammenfiel. Und Strümpfe hatte ich auch keine. Die Ohnmacht, die jetzt dringend gebraucht wurde, stellte sich nicht ein.

Eine helfende Hand reichte mir scharze Strümpfe. Halterlos. Mit diesen Gummis an den Enden und Spitze. Und das als Bergfee und Naturparkrangerin. Ich war in einer komplett anderen Welt und erinnerte mich an meine Zeiten als Modedesignerin. Früher hatte ich die Strümpfe gereicht.

Ein braunes Kleid in Wickeloptik und ein Strickmantel retteten kurzfristig mein Leben. Der Pony wurde zurückgekämmt und die Lippen von hell auf knallrot umgefärbt. Alles war darauf ausgerichtet mich glücklich und strahlend schön zu sehen. Ein super Team! Nun war ich startklar.

Locker geht anders, stellte ich fest, als ich mich auf einer Pobacke unter dem Tresen einer Bar räkeln sollte. Während man mich fröhlich im Bergschuh über Felsen und Steine klettern sehen kann, fühlte ich mich hier wie eine bleierne Gans. Das laszive Heruntergleiten an einer mit Panele vom Baumarkt verkleideten Mittelsäule erschien mir ungleich schwerer, als ein Aufschwung am Reck. Dabei war die Betreuung erstklassig. Ich wünschte mich in eine dreckige Kneipe mit schrabbeligen alten Holztischen.

Ein gemütlicher Ledersessel vor dem Kamin schien die Rettung. Ich holte mir eine Tasse zum festhalten. Bücher gab es auch und die Stylistin war so freundlich Kaminholz neben mir aufzutürmen. Die Strümpfe, mit den Gummibündchen am Ende und der befremdlichen Spitze,  die nicht ganz bis oben hin reichten, hab ich dann vergessen. Der Fotograf schaute freundlich. Die Aufregung schwand.

Als ich nachhaus kam, gab es das Lob meines Kindes für den Look. Das war beruhigend. Vielleicht mache ich sowas wieder. Ich könnte den Pony doch mal auf der anderen Seite versuchen.

Am Abend packte ich einen Umschlag aus, den man mir mitgegeben hatte. Es stand Alsterschönheit drauf. Wer mich kennt, ahnt, wieso ich laut lachen musste.

In der nächsten Ausgabe der Woman in the City erscheint das Bild. Es ist wahrscheinlich, dass ich in den Supermarkt erst mal nur mit Sonnenbrille einkaufen gehe.

 

 

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Charis

Inhaberin bei wohlgeraten
Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
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