Sichtweisen

Der Ruhm der Anderen

Eins vorweg: Ehrliche Anteilnahme respektiere ich. Es handelt sich hier um einen Gedanken und nicht um Kritik an einzelnen Personen.

Worum es geht?

RUHM

Gestern war wieder so ein Tag an dem in den Sozialen Medien wie Twitter und Facebook so richtg die Post abging. Beruflich bedingt kann ich praktisch nicht daran vorbeisehen, denn ich bewege mich nahezu täglich in diesem Umfeld.

Eine herausragende Persönlichkeit ist gestorben, der Anlass ist gewiss sehr traurig. Gleichzeitig ein prima Grund für viele Leute sich zu profilieren. Möglichst schnell den richtigen Hashtag setzen und zack ist man mit einer Top-Nachricht ganz weit vorn.

Das mag bei einer Massenveranstaltung, Unwetterwarnung, Hilfsaktion sehr hilfreich sein. Aber gilt das auch für den Verlust eines Menschen? Ist schnell sein in diesem Moment wirklich so wichtig geworden?

Kaum ist die erste Meldung geschrieben, klicken die Nachrichten hin und her: „Quelle?“ „Nachricht bestätigt. Quelle: da, da und da…!“ und jetzt schnell einer der ersten mit dem #RIP plus Name sein.

Damit wir uns sicht falsch verstehen: Nachrufe sind wertvoll. Betroffenheit im allgemeinen ist etwas natürliches und steht nicht in der Kritik. Nur spätestens wenn jemandem seine WM-Würstchen nicht mehr schmecken, sprich die Lust auf den Fußball vergeht, weil eine prominente Persönlichkeit gestorben ist, dann kann ich seine Betroffenheit nicht mehr ernst nehmen. Entweder ehrlich betroffen und ruhig oder sensationsheischend und einfach dabei sein wollend. So unverschämt bin ich: das unterstelle ich jetzt doch.

Die Online-Magazine garnierten Ihre Nachricht schon recht bald mit Nachruf-Tweets bekannter Namen. Sicher gut für’s Image sich dort wiederzufinden. Dabei sein ist alles! Man ist schließlich hipp, wenn man sich der Szene gegenüber aufgeschlossen zeigt. Für den normalen User fällt auch ein wenig Weltruhm ab. Der klassische Hashtag RIP nebst Namen reicht, um zu zeigen: ich weiß wer das war und trauere sehr. Damit bin ich ruckzuck Teil der Gesellschaft und gelte quasi ohne Mühe als teilintellektuell.

Ich halte das für Heuchelei. Und finde es befremdlich.

Reicht es wirklich nicht mehr aus, wenn Zeitungen einen Nachruf auf ein großes Leben drucken und man sich in normalen Gesprächen darüber austauscht, dass man den Verlust eines Menschen traurig findet?

Muss jetzt auch noch im Tod nachgewiesen werden, wie wichtig jemand in den Sozialen Netzwerken war, inlusive genauer Angabe wieviel Follower er hatte?

EHRE

Ein wenig mehr innehalten fände ich schön. Wenn ein Mensch stirbt, egal wer, einfach einmal eine Minute Luft holen, die Sonne genießen und einen Gedanken an den Menschen verschwenden der da gegangen ist. Ehrt man ihn damit nicht mehr, als noch im Angesichts des Todes einen Hauch seines Ruhms auf sich selbst spiegeln zu wollen?

Eine ideele Schweigeminute in den Sozialen Netzwerken, den Trauertweet weglassen, als Zeichen dafür, dass ein wichtiger Mensch gegangen ist. Nur eine Minute lang die eigene Präsenz in den Hintergrund rücken und Platz machen für eine andere Person. Ich finde den Gedanken schön.

kreuz-karwendel

 

 

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Charis

Inhaberin bei wohlgeraten
Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
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3 Kommentare

  1. Ich stimme dir hundertprozentig zu und fühle mich gleichzeitig ertappt, da ich den Nachruf der faz auf Twitter geteilt habe. Ein RIP mit Hashtag ist mir allerdings zum Glück noch nie über die Tastatur gegangen und vor allem auf FB enthalte ich mich völlig.

    Die Idee mit der Schweigeminute finde ich sehr nachahmenswert und werde dies für mich aufgreifen.

    Danke für diesen Anstoß und den wundervollen Text

  2. Tobias Mandelartz sagt

    Du hast recht. Und ganz schlimm finde ich die Todesnachrichten auf Facebook versehen mit dem vorsorglichen Zusatz “ Klicke Gefällt mir, um dein Mitgefühl/Beileid auszudrücken“, das ist dann irgendwie die Quadratur des Kreises…..

Kommentare sind geschlossen.