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Das kulinarische Erbe der Alpen – Genuss mit Charakter

Buch Das kulinarische Erbe der Alpen

Wie sieht ein Schatz aus? Diese Frage hätte ich stets mit der Kiste voll Gold beantwortet, doch die Zeiten ändern sich und ebenso meine Schätze.  – Das Buch „Das kulinarische Erbe der Alpen“  (AT Verlag) ist ein Schatz der neueren Sorte. Immerhin, aufgrund seiner Größe (23 x 31cm), mit vergleichbarem Gewicht. Einmal in die Hand genommen, möchte man es nicht mehr hergeben.

Kulinarisches Erbe der Alpen

Die Autoren Dominik Flammer und Sylvan Müller haben den Alpenraum akribisch auf kulinarische Besonderheiten durchforstet. So begegnet man dem Altreier Lupinenkaffee, den wir bei der Filzerin Rita auf dem Südtiroler Amorthof kennenlernten oder dem Ribelmais den ich auf der Vorarlberger Messe Gustav vor zwei Jahren probieren konnte. Sie zeigen fest in der Alpenküche verankerte Produkte, Sorten oder Tierrassen, die es immer seltener auf den Tisch geschafft haben, teilweise nicht einmal mehr hergestellt wurden, nun aber neu entdeckt werden. Viele von ihnen haben sich zu teuer gehandelten Delikatessen entwickelt. Andere werden einfach so wiederentdeckt und dankbar in den neuzeitlichen Speiseplan aufgenommen.

Das kulinarische Erbe der Alpen

Die Alpen – eine kulinarische Reise, die niemals endet

Die Eckdaten des Buches sind schnell beschrieben. In Vorwort und zehn Kapitel unterteilt, gibt das Buch auf 368 Seiten einen fantastischen Einblick in verloren geglaubte Geschmackswelten der Alpen.  Ein umfangreiches Verzeichnis alpiner Delikatessen klärt über kaum noch bekannte Lebensmittel auf, nicht ohne am Ende geeignete Bezugsadressen zu nennen. In den Innenseiten des Einbandes befinden sich Übersichtskarten, auf denen die im Buch vorgestellte Besonderheiten geografisch verzeichnet sind.


 

Themen

Der Wandel der Getreidekultur im Alpenraum
Das Fett in der Alpenküche
Von den Ur- zu den Alpkäsen
Die Wiederentdeckung alter Tierrassen
Fischtraditionen des Alpenraums
Gemüse und Obst: Die jüngsten Traditionen
Die Wiederentdeckung der wildwachsenden Pflanzen
Von einheimischen und exotischen Gewürzen
Holz und Harz: Die Würze des Alpenraums
Nahrung in der Not: Der Einfluss von Hunger, Pest und Krieg


Das kulinarische Erbe der Alpen - Übersichtskarte

Das Vorwort wurde von Bio Suisse Präsident Urs Brändli verfasst, der nicht im Unklaren darüber lässt, dass die Abwendung von ehemals typisch alpländischen Gerichten nicht zwingend der Einführung „modernerer“ Lebensmittel geschuldet war.  Viele Lebensmittel der armen Bergbauern waren schlichtweg von minderer Qualität, schmeckten kaum, rochen fürchterlich  oder waren Ersatzprodukte, weil man sich das Original gar nicht leisten konnte. Manch ein früher gebrautes Bier konnte nur unter Hinzunahme von Honig getrunken werden. Bitterstoffe konnten eine komplette Mahlzeit verderben. Kinder mussten essen, um zu gedeihen. Spaß beim Essen war ein Fremdwort.

In der immer homogeneren Geschmackswelt unserer Neuzeit, sprechen gerade diese einfachen Gerichte unsere Geschmacksnerven auf eine ganz neue Art und Weise an. Plötzlich wird das einstige Arme-Leute-Essen zur Spezialität, was der Salzburger Koch Essl vom Weiserhof beweist, der mit deftiger Hausmannskost wie Hoargneistnidei und Stinkerknödel täglich den Laden füllt. So gut, dass er sich im Gegensatz zu vielen anderen Wirtsleuten den „heiligen Sonntag“ wieder leisten kann.

Das kulinarische Erbe der Alpen - Gemüse und Obst Das kulinarische Erbe der Alpen - Bezugsadressen   Das kulinarische Erbe der Alpen - Bezugsadressen

Lebensmittel mit Charakter – Produkte und ihre Gesichter

Ein besonderes Highlight des Buches, das gleichzeitig ein Bildband ist, sind die zahlreichen Fotos. Neben historischen Aufnahmen, Zeichnungen, Schautafeln und Bildern vom Landleben, schaffen es die Autoren den Lebensmitteln wieder ein Gesicht zu geben. Das ist aus meiner Sicht eines der größten Verdienste dieses Buches, denn es zeigt den Hauptgegensatz zwischen unseren folienverschweißten Sattmachern und echter Kost die durch Handarbeit, Fleiß und traditionelle Fertigungsmethoden einen eigenständigen Charakter entwickelt.

Auf die allgemeinen Ausführungen der Kapitel, folgen ganzseitige Aufnahmen, die linkerhand das Produkt in seiner Vielfalt und Schönheit darstellen und gleichzeitig den Produzenten nennen. Auf der rechten Seite schauen wir den Bauern, Fischern, Jägern, Sammlern oder Winzern ins Gesicht, die entweder ihr Produkt oder ein typisches Arbeitsutensil in der Hand halten. Es sind charaktervolle Gesichter, lächelnde, ernste, manchmal hoffnungsvoll in die Zukunft blickende. Es sind die Gesichter, denen man begegnet, wenn man aufmerksam durch das Land reist, hier und da anhält, einen Bauernladen besucht, sich interessiert, nachfragt oder in einem Gasthaus speist. Ich habe diese Gesichter schon oft gesehen. mal in den Schweizer Bergen, weit hinten raus, wo die Zivilsation praktisch schon zu ende war oder auch mittendrin, weil sich Bauern neue Wege suchten, um einen Hof zu erhalten.

Eine Aufforderung zum Reisen

Und somit ist dieses Buch nicht nur eine Huldigung an Produkte, Tiere und Menschen, sondern gleichzeitig eine klare Aufforderung zum Reisen. Anhalten, wo immer es lokale Produzenten gibt, probieren, mitnehmen weitererzählen, wenn etwas gut schmeckt. Genau das ist es, was das Vorwort empfiehlt und selbst wenn man nicht annähernd die Hälfte der im Buch vorgestellten Produkte jemals kennenlernen wird: Wer nur zwei, drei sehr einfache, dafür aber geschmacksintensive und unverfälschte Gerichte aus Lebensmitteln mit ursprünglichen Aromen in seinen Speiseplan neu aufnimmt, wird vielfältig belohnt werden.

Dieses Buch ist keines, was man ehrfürchtig in den Schrank zurückstellen sollte, weil es teuer ist. Ich werde es in meiner Küche aufbewahren, hineinlesen und freue mich auf die Flecken und Zeichen, die es mit den Jahren bekommt. Vermutlich werde ich Notizen an den Stellen machen, wo ich etwas wiedererkenne und ausprobiert habe. Das kulinarische Erbe der Alpen? Ich habe meinen Teil übernommen…

Das kulinarische Erbe derAlpenDas kulinarische Erbe der Alpen   Das kulinarische Erbe der Alpen - Schaf

Das kulinarische Erbe der Alpen

Dominik Flammer – Sylvan Müller
Preis 78 €
ISBN 978-3-03800-735-7
Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
368 Seiten
2622 g
Format: 23 cm x 31 cm
Lieferbar in 3-5 Arbeitstagen

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Charis

Inhaberin bei wohlgeraten
Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
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6 Kommentare

  1. Heinz sagt

    Hammerbuch! Danke für den Tipp. Wir haben es am Wochenende selber gekauft.

  2. Weiterhin enführt es uns in völlig andere Gefilde und lässt uns unsere direkte Umgebung „vergessen“. Quasi eine kleine Auszeit fernab der Berge Das trifft nicht nur für die kulinarische Seite zu. Auch Literatur zu verschiedenen Facetten des Bergsports lassen das große Ganze so langsam erahnen, auch wenn wir als Flachländer wohl eher keine echten Bergfexe werden. Die Faszination bleibt…

    • Du hast völlig Recht. Es ist zunächst eine Herausforderung all diese Bücher zu lesen. Ich schaffe auch immer nur ein kleines Stück pro Tag. Aber alles in allem eignet man sich nach und nach Wissen an und wie im Beitrag erwähnt, bilden sich Verknüpfungen. Man erkennt Dinge wieder, einiges wird klarer. Genau das finde ich so unheimlich spannend an der Idee sich einer bestimmten Region zu verschreiben und die Alpen machen es mir hiermit wirklich leicht.
      Liebe Grüße und Danke für Deine Reaktion!

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