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Anständig essen| Oder: Schmeckt Bio wirklich besser?

Österreich. Bad Hofgastein. In Österreich lässt es sich anständig essen. Das ist nicht neu und davon konnte ich mich gerade erst wieder bei einer Wochenendreise ins Gasteinertal überzeugen.

Während sich bei uns oft noch die Mär vom schnitzel- und knödelkonsumierenden Bergmenschen hält, hat sich die Alpenregion in den letzten beiden Jahrzehnten in ein Paradies für Feinschmecker verwandelt. Längst gibt es Haubenköche zwischen den Bergen und Winzer, die sich aufgemacht haben, die alten Weinberge zu neuem Leben zu erwecken. Viele Gastwirte kochen mit regionalen Zutaten und greifen auf Lebensmittel aus eigener Landwirtschaft oder Jagd zurück. Weil sie es können! (Ein für mich besonders gutes Beispiel hierfür ist beispielsweise die Küche im Hotel Wiesergut).

Um sich mit Essgewohnheiten, Qualität von Lebensmitteln und der Frage: „Schmeckt Bio wirklich besser?“ auseinanderzusetzen, fand am 27/28. März 2015 in Bad Hofgastein das Food-Symposium „Anständig essen“ statt. Namhafte regionale Vertreter aus Wissenschaft, Gesellschaft und Produktlieferanten lieferten sich neben interessanten Vorträgen auch lebhafte Debatten. Ich war dabei und habe einige Gedanken für Euch aufgeschrieben.

Apfel: Bio aus Österreich, Messer von wohlgeraten.

BIO in Österreich – ein paar Zahlen

Die freie Agrarwissenschaftlerin und Fachbuchautorin Andrea Heistinger beschäftigt sich unter anderem mit sozialen Fragen der österreichischen Landwirtschaft. Sie stellt Biobauern vor, die neue Wege beschreiten, um der Stagnation im nicht mehr immer lupenreinen Bio-Landbau zu entgehen.

Bei Ihrem Eröffnungsvortrag auf dem Symposium nennt sie einige Zahlen zum Bio-Anbau in Österreich, die das ganze begreifbarer machen:

Umsatz an Bio-Lebensmitteln aktuell bei 391 Mio €
120.000 t verkaufte Bio-Lebensmittel pro Jahr
21.000 Biobauern im Alpenland
machen 18% der österreichischen Landwirtschaft aus

Aber ist Bio eben wirklich besser? Während sich der Absatz in der EU seit 2007 vervierfacht haben soll, gerät Bio immer mehr unter Beschuss. Die Lebensmittel kommen längst nicht mehr nur vom netten Bauern nebenan. Große Bio-Ketten, wie Ja! Natürlich (gehört zu Billa und damit zur Rewe-Gruppe) verkaufen auch schon mal türkische Marillen unter dem Label des „regionalen“ Anbaus. Das führt selbst bei genauer Kennzeichnung der Produkte zu einer undurchsichtigen Situation, bei der sich die Frage stellt, ob der Verbraucher biologische Produkte aus Gesundheitsgründen kauft oder lediglich, um sein ökologisches Gewissen zu beruhigen. Denn eine Bio-Marille, die mit viel Dieselsprit transportiert wird, kann kaum noch besser sein, als die konventionell erzeugte vom Obstbauern nebenan. Fragen über Fragen!

Während die Gasteiner und Ihre Gäste Andrea Heistinger, der Kabarettist Roland Düringer, Ja! Natürlich Geschäftsführerin Martina Hörmer und der Spitzengastronom und Hotelier Walter Eselböck aus dem Burgenland an diesem Abend noch hitzig diskutieren, blieben viele Fragen offen und konnten auch bei einer anschließenden grandiosen Bio-Jause mit Produkten aus dem Gasteiner Tal nicht abschließend geklärt werden.

Ein Blick auf den gedeckten Tisch zeigt auf jeden Fall: Bio ist heute absolute Feinkost und hat das Bild des verschrumpelten Äpfelchens in Österreich schon lange abgelegt.

BIO-Jause im Impuls Hotel Tirol Bad Hofgastein:

platte-

BIO oder Konventionell? Eine Vergleichsverkostung

Am zweiten Tag des Symposiums wird es spannend. Mit einem Schnapsglas in der Hand stehen wir auf einem Kräuterbauernhof hoch über dem wunderschönen Gasteinertal.  Es wird geschnuppert, der Inhalt beäugt, vorsichtig probiert.

„Sie trinken gerade Spritzmittel!“ erklärt Reinhard Geßl vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau, denn der Schafgarbentee, den wir trinken, wird als Schädlingsbekämpfung im biologischen Landbau verwendet. Und damit sind wir sofort beim Unterschied. Während im konventionellen Landbau oft nicht klar ist, welche der Schädlingsbekämpungsmittel sich im der Produkte anlagern, bleiben bei Bio-Anbau die Hilfsmittel natürlich und werden nur äußerlich angewandt.

Der spannende und durchaus zur Nachahmung empfohlene Teil ist die Blindverkostung. Äpfel werden verglichen, Milch, Wurst. Käse und Edelbrände. Das Ergebnis ist allerdings fast immer gleich: die Bio-Produkte schmecken zwar oft besser, sie herauszufiltern ist aber nicht ganz leicht und ein kleiner Zweifel bleibt, ob sie in jedem Falle immer die geschmacklichen Sieger wären.

Gesünder sind sie allemal, was Studien nachweisen.

apfelvergleich schinkenverkostung

bio-vollmilch schaf-muehlhof

Vorteile von Bio-Lebensmitteln

(Quelle: Studie von Dr. A.Velimirov und Dr. W. Müller für BIO ERNTE AUSTRIA)
Bio Lebensmittel enthalten nachweislich mehr Vitamine und Mineralstoffe und sind weniger mit Schwermetallen belastet. Sie enthalten mehr sekundäre Pflanzenstoffe, was beispielsweise der das Immunsystem anregt, positiven Einfluß auf den Blutdruck haben kann, bakterienhemmend, antiviral und antioxidativ wirkt.

Bio Lebensmittel weisen einen höheren Trockenmassegehalt auf, halten länger bei artgerechter Lagerung und enthalten deutlich weniger Nitrate und Pestizid-Rückstände als herkömmliche Lebensmittel. Dass keine Gentechnik zum Einsatz kommt, versteht sich von selbst als Vorteil! Von tierischen Bioprodukten lässt sich außerdem sagen, dass diese eine günstigere Fettsäurezusammensetzung bieten und Bio-Eier beispielsweise nicht nur mehr schwerer sind, sondern außerdem eine höhere ernährungspysiologische Qualität mit sich bringen.

FAZIT – Ist Bio wirklich besser?

Ich gebe dem Kaberettisten Roland Düringer recht, der im übertragenen Sinne die These aufstellte: Wir verhungern, während wir essen. Uns geht die Natur verloren, obwohl wir immer mehr Natur um uns haben (angebliche Natur PUR, natürliche Produkte, und und und..) und es ist völlig Wurscht, ob wir eine unmoralische Pizza aus konventioneller Herstellung essen oder ein Bio-Müsli, wenn wir dieses gestresst, in einem ungesunden Alltag auf dem Sprung zur Arbeit tun. Wozu dann also Bio?

Seine Auffassung, es sei vermessen, das Klima retten zu wollen, während man hinnimmt, dass Einkaufsmöglichkeiten immer rationeller werden, bis nichts anderes mehr geht, als mit dem Auto vorzufahren, teile ich. Und damit treffen sich österreichische und deutsche Lebensverhältnisse und es ist klar: Das in Gastein abgehaltene Symposium „anständig essen“ trifft im Kern auch den bundesdeutschen Alltag.

Mitgenommen habe ich folgende Anregung von Walter Eselböck , die ich gern an Euch weitergeben mag:

Der Herd sollte das Lagerfeuer unserer Vorfahren ersetzen. Nicht das Laptop, nicht das Handy. Wir können mit den Jahreszeiten und entsprechenden saisonalen Produkten leben, wir können Kräuter sammeln und regionaler denken.

Ein schöner Ansatz, den ich immer wieder versuche zu beherzigen.  Weitere Vorschläge von Euch sind mir in den Kommentaren sehr willkommen!

 INFO

»Anständig essen« ist ein jährlich wiederkehrendes Symposium, das für die Gasteiner Region und darüber hinaus impulsgebend sein soll. So soll das gesamte Gasteinertal nach und nach auf biologische Landwirtschaft umstellen.

Stattgefunden hat das Foodsymposium zum dritten Mal in Folge, Gastgeber waren die Gasteinertal Tourismus GmbH, der Tourismusverband Bad Hofgastein und der Autor und Journalist Christian Seiler. Ich war als Gast eingeladen. Herzlichen Dank!

ANSTÄNDIG ESSEN – FOOD-SYMPOSIUM IN BAD HOFGASTEIN
Gasteinertal Tourismus http://www.gastein.com/de
Tel. +43 6432 3393-113
anstaendigessen@gastein.com
www.anstaendigessen.com

Und noch ein paar Bilder vom Abschlußmenü des Wiener Gastronomen Konstantin Filippou, der oberhalb von Bad Hofgastein im Weitmoser Schlössl (Sehens- und empfehlenswert!) für uns kochte. Für mich nicht wirklich harmonisch in Bezug auf die angekündigten regionalen Elemente, aber begleitet von außerordentlich köstlichen Weinen aus dem Bio-Weingut Oggau im Burgenland.

schweineschnauze suppe

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hauptgang dessert

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Charis

Inhaberin bei wohlgeraten
Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
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1 Kommentare

  1. Zu diesem Thema möchte ich die 100 Kapitel im Buch „Junk Food“ von Hans-Ulrich Grimm empfehlen – super recherchiert, gut lesbar und einfach zu beherzigen.
    Zugegeben: nicht jeder kann wie ich in einer Kleinstadt die Supermärkte meiden, beim Bauern kaufen oder zum qualifizierten Einzelhändler ausweichen. Das alles natürlich zu Fuß und immer auf der Suche nach dem jahreszeitlichen Angebot. Schließlich: selber kochen ist die beste Gesundheits- und Wohlfühl-Garantie. Was die haubengeschmückten Berglersterneköche angeht: mir wäre eine Rückkehr zu einfachen bäuerlichen Gerichten lieber als die aufgeschnetzten Knödel aus Kamutbrotbrocken mit Saiblingrogen an Eselsmilchschaum – die sogenannte „verfeinerte“ Alpinküche für Herrn Feinschmecker Schicki und seine Frau Micki die meilenweit mit ihrem Cayenne anreisen (für die Mousse aus Brillenschafhoden auf Löwenzahnblütenpürré nach dem Gletschereissorbet hat sich doch die Fahrt gelohnt – gell, Schatzi!)
    Mahlzeit!
    Andreas

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