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Amorthof | Zu Filz und Blümchenkaffee bei Rita

Altrei. Südtirol.Ich wollte ein Produkt machen, bei dem die Leute sagen: Das ist von der Rita. Das ist mir gelungen und darauf bin ich stolz!” Ihre Augen leuchten, als sie diesen Satz sagt. Rita, die Bergbäuerin vom Amorthof trägt ein blaues Kopftuch und eine dieser auffallend blauen Raiffeisen-Schürzen, die in Südtirol fast auf jedem Hof zu sehen sind.

Als wir kurz vor acht bei Nieselregen und für den Juni ungewöhnlich kühlen Temperaturen in Altrei ankommen, wartet sie bereits munter in der Hofeinfahrt auf uns. Der große, kuschlige Hofhund streicht um ihre Beine. Saftig grün ist es hier oben und still. Nur ein paar Rinder grasen auf einer Wiese neben dem Bauernhaus.

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Der Amorthof in Altrei – Ritas Filzstübele

Sie bittet uns in ein Seitengebäude. Eine kleine Werkstatt befindet sich darin. Der Raum ist geheizt. “Ich dachte, dann haben wir es etwas gemütlicher?” Rita ist freundlich und beginnt sofort zu erzählen. Keine Spur Schüchternheit, Ihre Lebendigkeit ist ansteckend.

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Sie berichtet uns von den dreißig Schafen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann und der Familie auf dem Amorthof hält. Dieser befindet sich eine knappe Fahrstunde von Bozen entfernt Richtung Süden (ca. 50 km). Die 400 Seelen-Gemeinde Altrei liegt auf 1.200 m Seehöhe im Naturpark Trudner Horn. Das ist eine vom Klima bevorzugte Gegend, die aufgrund der sonnigen Lage auch gern als “Balkon Südtirols” bzeichnet wird. Altrei ist die am südlichsten gelegene deutschsprachige Gemeinde.

Die Schafe und Lämmer der Bauernfamilie bilden die Grundlage für das Handwerk, mit dem “Ritas Filzstübele” als einer von acht ausgewählten Handwerksbetrieben im Empfehlungshandbuch des Südtiroler Bauern-Verbundes Roter Hahn gelistet ist. Rita ist Filzerin und produziert in ihrer kleinen Werkstatt traditionelle Patschen, Hüte, Taschen, Sohlen, Sitzsteine und einiges mehr, was ihr in den Sinn kommt. Teils arbeitet sie nach festen Vorgaben und Kundenauftrag, teils frei, wie es ihr gefällt.

Jedes fertige Produkt wird fotografiert und landet säuberlich abgelegt in einem dicken Ordner, in dem sie immer wieder blättert. Wir dürfen hineinschauen und begeben uns erzählerisch auf eine Zeitreise, die elf Jahre zurückreicht.

Damals hatte die Altreier Bäuerin das Filzen in einer Spinnrunde in Prissian erlernt und unter anderem einen Ausflug nach Österreich unternommen. Eine Reise zu Kollegen, bei denen sie sich anschaute, wie dort frisches Brot auf dem Hof gebacken wurde. Der Bauer mahnte: “Macht etwas auf Euren Höfen! Sucht Euch neue Aufgaben, entwickelt Ideen!” Und Rita hatte Ideen. Sie besann sich auf die Wolle der Schafe, die Saison für Saison zum Wegwerfen verdammt war.

Zwei Mal pro Jahr werden die Schafe geschoren. Rita begann die Wolle zu sammeln und zu reinigen. Etwa ein Kilogramm Wolle wirft ein Schaf bei einer Schur ab. Es gibt schwarze und weiße Wolle, wobei die hellen Schafe überwiegen.Wie das mit den schwarzen Schafen ist, wollen wir natürlich unbedingt wissen. Rita lacht. Sie erläutert, dass ein schwarzes Schaf sogar sehr wichtig ist, weil es die Herde beruhigt. Die schwarze Wolle wiederum gibt einen schönen und natürlichen Grauton. Vom Griff her sind sie gleich.

Die Wolle wird mit kaltem Wasser abgespritzt und dann in ein Nachbartal zum Kämmen gebracht. Nur die minderwertige Bauchwolle landete nun noch zum Düngen auf dem Feld.

Das fertige Wollvlies, dem keine Synthetik beigemischt ist, verarbeitet Rita auf ihrem Werktisch. Für jedes Modell gibt es Schnitteile. Die Wolle wird genau auf die passende Größe zurecht gewalkt. Schnittkanten gibt es nicht und genau darin besteht die Kunst. Die Filzerin muss sehr gründlich sein und vorher bedenken, welche Form am Ende herauskommen muss.

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Mit Hilfe von Naturseifenlauge, Wärme und der Kraft der Hände ist es möglich die Wolle auf Holzmodeln in die entsprechende Formen zu trimmen. Für die Schuhe gibt es Leisten in den passenden Größen, für Hüte Halbkugeln in Kopfform. Es ist eine anspruchsvolle Textiltechnik, denn das Walken erfordert nicht zu unterschätzenden körperlichen Einsatz. Ritas Mann hilft Sohlen anzunähen. Und auch die Tochter unterstützt bei dem einen oder anderen Arbeitsgang.

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Die fertigen Filz-Produkte werden direkt ab Hof verkauft. Selten stellt Rita auf kleineren Werkschauen aus, wie zum Beispiel im September auf einer Messe des Bauernbundes in Bozen. http://www.fierabolzano.it/kreativ/de/bauernbund.htm (18.-20.9.2015)

Während die Kunden im Sommer aus dem In- und Ausland kommen, wird es im Winter ruhiger. Dann kommen die Südtiroler, denn auch sie schwören auf die Patschen aus Altrei.

Neben der Filzerei ist der Amorthof für den “Altreier Kaffee” bekannt. Er wird aus den Samen einer in dieser Form nur hier ansässigen blau blühenden Lupine hergestellt. Die Pflanzen werden bis zu 1,20 m hoch. Ihre Samen, die in Schoten ausreifen und an Bohnen erinnern, werden gesammelt, geröstet und dann gemahlen. Nun mischt man sie mit Gerste oder Weizen, sodass der Kaffee-Ersatz entsteht. Brüht man dieses Pulver klassisch im Filter auf, erhält man ein malziges, leicht bitterliches, an Kaffee erinnerndes Getränk. Mich hat vor allem die nachhaltige Kakaonote begeistert, die ich noch lange nachschmeckte. Ich kann euch nur empfehlen das zu probieren. Gekauft habe ich mein Glas Altreier Kaffee direkt von Rita.

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Wer Rita in ihrer Filzstube besuchen und vielleicht eines ihrer unnachahmlichen Originale erwerben möchte, findet sie hier:

Amort-Hof

Fam. Rita Amort
Guggal 26a
39040 Altrei
Tel. +39 0471 882030
Mobil +39 380 7122537

über den Roten Hahn auch online zu finden Amorthof Altrei

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Charis

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Ich bin Charis, Inhaberin von wohlgeraten | Wir lieben Berge! Das ist mein Blog. Ich berichte über Reisen und Erlebnisse unterwegs - vielfach in den Alpen oder in Bergregionen, über Handwerk und Traditionen, lasse mir in den Kochtopf schauen oder teile Erfahrungen, die ich im Alltag mit wohlgeraten mache.
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